OSI Referenzmodell
Motivation und Entstehung
Die Entwicklung des Computers war im Beginn geprägt durch den Entwurf von autonomen,
abgeschlossenen Systemen zur Bewältigung einer oder einiger weniger Aufgaben, wie z.B.
der Steuerung eines Fertigungsroboters. Die Automatisierung ganzer Produktionsabläufe
verlangte, im Vergleich zur Automatisierung einzelner Maschinen, sehr bald nach einer
Möglichkeit zur Kommunikation zwischen den einzelnen Systemen. Aber nicht nur die
Industrie sondern auch das Militär entwickelten daher bereits Ende der 60er Jahre ein
Interesse am Datenaustausch zwischen mehreren voneinander entfernten Rechnern. Als Folge
dessen kam es in den 70er Jahren zur Entstehung mehrerer voneinander unabhängig
entwickelter, inkompatibler Firmenstandards zur Datenkommunikation.
Der Vorteil des Datenaustausches und die damit verbundene Nutzung gemeinsamer Resourcen
verhalf der Netzwerktechnologie zu einer ähnlich rasanten Verbreitung und Entwicklung wie
dem Computer selbst. Die von ARPA (Advanced Research Projects Agency) des US
Verteidigungsministeriums entwickelte Technologie des ARPANETS wurde von US
Universitäten und Institution übernommen. Der Zusammenschluß mehrerer dieser Netze
führte zum ARPA Internet, welches seit seiner exponentiellen Verbreitung ab 1992
allgemein als Internet bekannt ist.
Unter der Zielsetzung einen Standard zu schaffen, der das Problem
herstellerspezifischer, inkompatibler Kommunikationssysteme überwinden sollte,
entwickelte die ISO (International Organisation for Standardization) - ab
1977 - das OSI-Referenzmodell (Open System Interconnection). Dabei sollte das
OSI-Referenzmodell keine Implementierungssspezifikation darstellen, sondern lediglich
einen standardisierten Formalismus zur Beschreibung bereits vorhandener Architekturen,
sowie einen konzeptuellen Rahmen zur Entwicklung zukünftiger Protokolle.
Aufbau
Das OSI-Referenzmodell wurde als Schichtmodell entworfen. Hierbei wurde versucht, den
folgenden Entwurfskriterien Rechnung zu tragen:
- Eine neue Schicht sollte zugleich einen neuen, höheren Abstraktionsgrad markieren.
- Jeder Schicht sollte genau eine definierte Funktion zukommen.
- Bei der Funktionswahl sollten bereits existierende Implementierungen berücksichtigt
werden.
- Der Informationsfluss zwischen den Schichten sollte so gering wie möglich sein.
- Die Anzahl der Schichten sollte unter Berücksichtigung der übrigen Gesichtspunkte
möglichst gering sein.
Bedeutung
des OSI-Modells
Die Implementierung neuer Protokolle läßt sich meistens nicht direkt am OSI-Modell
ausrichten. Einige Schichten, insbesondere die Sicherungsschicht, wären sonst mit einer
Vielzahl von Diensten überlastet. Letzteres wäre jedoch gerade nicht im Sinne des
OSI-Modells. Aktuelle Protokolle wie z.B. ATM lassen sich daher nur schwer den Schichten
des OSI-Modell zuordnen.
Auch wenn die Aufgabenverteilung in den sieben Schichten des OSI-Modells aus heutiger
Sicht nicht unumstritten ist, so sind die grundlegenden Überlegungen, die zu diesem
Modell geführt haben auch heute noch unverändert gültig. Desweiteren hat es gerade zum
Verständnis der Abläufe innerhalb eines Netzwerkes und zur Abgrenzungen von festen
Begriffen, wie z.B. Router und Gateway oder Repeater und Bridge, einen hohen didaktischen
Stellenwert. Die nachfolgenden Kapiteln versuchen daher immer eine Einordnung der
vorgestellten Protokolle gemäß dem OSI-Modell zu geben.
Funktionsweise
Die Funktionsweise des OSI-Modells ist objektorientiert. Jede Schicht stellt der
jeweils nächsthöheren über eine definierte Schnittstelle, den Service Access Point
(SAP), eine Gruppe von Methoden, die Dienste, zur Verfügung. Ein Zugriff auf die
Datenstrukturen ist somit allein über die spezifizierten Dienste möglich.
Jeder Dienst gliedert sich in seine Dienstelemente, deren Implementierung das Protokoll
darstellt. Die aktiven Elemente des Protokolls werden Instanzen genannt. Sie
können je nach Schicht innerhalb des OSI-Modells als Software-Instanz (z.B. ein Prozeß
oder Thread) oder Hardware-Instanz (z.B. der Controller einer Ethernet Karte) realisiert
sein.
Ein Dienstelement im OSI-Modell gliedert sich in
- die Bezeichnung des übergeordneten Dienstes, z.B. CONNECT, und
- den Diensttyp (Dienstelementart).
- Ein bestätigter Dienst beinhaltet vier Dienstelemente.

Abbildung: Dienstelemente des CONNECT Dienstes
- Request
Eine Instanz der Schicht n auf Station A fordert einen Dienst der Schicht n-1 an.
Indication
Die Schicht n-1 der Zielstation B meldet der lokalen Schicht n die vorliegende
Anforderung.
Response
Die Schicht n der Station B liefert das Ergebnis an die Schicht n-1 zurück.
Confirm
Die Schicht n-1 der Quellstation A liefert das Resultat der Anforderung an die Schicht n
aus.
Die Kapselung der Dienste in den einzelnen Schichten ermöglicht eine virtuelle
(horizontale) Kommunikation zwischen Instanzen der Schicht n und ihren Partnerinstanzen
eines anderen Rechners. Der reale Datenfluss über alle darunterliegenden Schichten des
OSI-Modells und das Übertragungsmedium ist für sie nicht sichtbar.
Das der Schicht n von der nächsthöheren Schicht n+1 übergebene Objekt ist die Interface
Data Unit (IDU). Wie jedes Objekt gliedert es sich in eine Methode und die
eigentliche Datenstruktur, hier die
- Interface Control Information
(ICI) und die
- Protocol Data Unit
(PDU).

Abbildung: Kommunikation zwischen den Schichten
Nach der Übernahme der IDU durch die Schicht n, wird die ICI abgetrennt und
ausgewertet. Die PDU der Schicht n+1 wird zur Service Data Unit (SDU) der Schicht
n. Die SDU kann, wenn notwendig, in kleinere Dateneinheiten zerlegt (fragmentiert)
werden. Die Fragmentierung muß durch die Partnerinstanz der Schicht n des Zielsystems
rückgängig gemacht werden. Zusammen mit dem zum Transport notwendigen Header der Schicht
n, der Protocol Control Information (PCI), wird die SDU, bzw. jedes SDU-Fragment,
zu einer neuen PDU zusammengefaßt. Ergänzt um den von der Schicht n-1 geforderten Dienst
(ICI) ergibt sich damit eine neues der Schicht n-1 zu übergebenes Objekt, die IDU der
Schicht n. |